Introvision-Coaching

Introvision ist ein ursprünglich an der Uni Hamburg im Fachbereich Pädagogische Psychologie entwickeltes Verfahren, um Stress abzubauen oder zu reduzieren. Hoher Stress wird in aller Regel erlebt, weil, getriggert durch tatsächliche oder vermeintliche äußere Einflüsse, innere Alarme angesprungen sind. Solche inneren Alarme gehen im Gehirn von der Amygdala (die wir auch im folgenden in der Einzahl anführen, obwohl es genau genommen zwei davon gibt, eine Amygdala in jeder Gehirnhälfte), aus. Die Amygdala fungiert als „Sicherheitszentrum“, die das Ausschütten von Stress-Hormonen wie etwa Adrenalin veranlasst, um den Menschen zu erhöhter Leistungsfähigkeit zu befähigen. Aus diesem Grund reagiert die Amygdala um ein Vielfaches schneller auf tatsächliche oder vermeintliche Gefahr als etwa das Großhirn, das für die Ratio zuständig ist. 

Dieser Umstand erklärt, weshalb man als Mensch Alarme oft trotzdem verspürt, obwohl man aus Vernunftgründen verstanden hat, dass das „eigentlich“ überflüssig ist, weil man verstanden hat, woher der Alarm rührt, oder weil einem die Vernunft klargemacht hat, dass das stressbedingte Verhalten kontraproduktiv oder schädlich ist. Die Introvision ist ein Verfahren, das diese Alarme löscht. Es kann sowohl im Coaching als auch in der Therapie angewendet werden. Es gibt unterschiedliche Formate, wie Introvision zur Anwendung kommen kann.

Ein jeder Beratungsprozess, der eine Veränderung zum Ziel hat, wir fassen darunter jetzt auch Business-Coaching, Live-Coaching oder therapeutische Beratung, kann auf drei Ebenen stattfinden, die sich sowohl in ihrem Schwierigkeitsgrad als auch vor allen Dingen in dem, was sie methodisch vom Berater fordern, stark unterscheiden:

  • die Ebene der Reflexion
  • die Verhaltensebene
  • das Erkennen und Auflösen blockierender Muster

 

Die dritte und schwierigste Ebene ist das  Erkennen und Auflösen blockierender Muster.

Wenn weder durch Arbeit auf der Reflexions- noch auf der Verhaltensebene ein Erfolg verzeichnet werden kann, weil in der Praxis alles beim alten bleibt, kann man davon ausgehen, dass es beim Klienten innere Blockaden gibt, die auf ältere innere Muster zurückgehen und denen man weder auf der Reflexions- noch auf der Verhaltensebene beikommt. Das Verhalten, das der Klient eigentlich ablegen will, ist sehr konsistent und alle Versuche, über „Vernunft“ etwas daran zu ändern, erweisen sich als wirkungslos.

In Fällen, in denen solche tiefliegenden Muster gewünschte Veränderungen blockieren, ist die Arbeit auf der dritten Ebene entscheidend für einen dauerhaften Erfolg des Prozesses.

 

Mit Introvision-Coaching lässt sich auch diese dritte Ebene bewältigen.

Entwickelt wurde die ursprüngliche Introvision, wie oben gesagt, an der Universität Hamburg im Bereich pädagogische Psychologie unter der Federführung der Professorin Dr. Angelika Wagner, als Versuch, den Stress bei Lehrern zu reduzieren. Diesem Ansatz wurden, auch im Verbund mit Neurobiologen, Jahrzehnte der Forschung gewidmet, weshalb es solide wissenschaftliche Daten zur Wirksamkeit gibt. Die ursprüngliche Introvision ist jedoch im Coaching nicht nutzbar, weil sie sehr lange, zeitintensive Vorübungen erfordert – Zeit, die die wenigsten Coaching-Klienten haben. 

Es gibt jedoch ein Format, das unter Einbeziehung von Elementen der Transaktionsanalyse und den Achtsamkeitstechniken aus dem Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) Programm nach Jon Kabat-Zinn, im Coaching hervorragend nutzbar ist. Mit diesem Coaching-Format lassen sich in sehr kurzer Zeit dauerhafte Veränderungen erzielen lassen, die den Klienten ihre Handlungsfähigkeit zurückgeben. Es kann bereits in der ersten Coachingsitzung eingesetzt werden kann funktioniert sogar per Video-Sitzung.

 

Die Alarme als Auslöser von Stress und inneren Blockaden

Der Ansatz von Introvision-Coaching basiert im Wesentlichen auf den Erkenntnissen von Neurophysiologie und Neuropsychologie bezüglich der Rolle, die die Amygdala dabei spielt, wenn es um den Alarm geht, der dafür verantwortlich ist, dass Menschen stressbedingtes Verhalten an den Tag legen oder wegen innerer Blockaden nicht das tun können, was sie wollen und für richtig erkannt haben. 

Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems, das Informationen aus dem Organismus und Botschaften von außen verarbeitet und sie bewertet. Wenn mehrfach, vielleicht intensiv über mehrere Jahre hinweg in Kindheit oder Jugend, oder im Falle eines Traumas nur ein einziges, aber dafür umso eindrücklicheres Mal, eine Botschaft „eingebläut“ wird, kann sich ein Alarm in der Amygdala bilden. Dieser Alarm warnt: „Achtung – höchste Gefahr! Diese Situation ist unter allen Umständen zu vermeiden!“ Er ist verbunden mit einer Ausschüttung von Stress-Hormonen. 

Der Alarm wird in Zukunft immer dann sofort anspringen, wenn, tatsächlich oder vermeintlich, die Gefahr besteht, dass sich die Situation genauso entwickelt, wie es unter keinen Umständen sein darf. Dadurch bildete sich, um mit dem schmerzhaften, tatsächlich oder vermeintlich gefährlichen Ereignis umzugehen oder ihm zu entkommen, eine innere Verhaltensanweisung heraus, die zwingenden Charakter besaß, weshalb sie die Bezeichnung „Imperativ“ bekam.

Ein Imperativ bedeutet in diesem Zusammenhang eine innere Forderung oder ein innerer Druck, dass etwas unbedingt geschehen muss oder aber auf keinen Fall geschehen darf. Imperative können sich auf alles Mögliche beziehen, zum Beispiel „Ich muss unbedingt meine Verkaufszahlen steigern“, „Ich darf auf gar keinen Fall bei der Präsentation versagen“, Ich muss dafür sorgen, dass im Team alles harmonisch ist“, „Ich darf keine Fehler machen“.

Da die Amygdala, als zum Stammhirn gehöriger Teil, viel schneller ist, als das in der Entwicklungsgeschichte jüngere Großhirn jemals sein kann, „entscheidet“ sie im Bruchteil von Sekunden, ob eine Gefahr für den Menschen besteht oder nicht. Das Großhirn, in dem die Ratio beheimatet ist, hinkt immer hinterher, weshalb alle Erkenntnisse, die man in der Analyse der Schwierigkeiten, des eigenen unangemessenen Verhaltens, der „Überflüssigkeit“ der eigenen Reaktionen hinterher gewinnt, nichts nützen. Alle hinterher getroffenen Entschlüsse, es beim nächsten Mal aber wirklich anders zu machen, verpuffen: Schrillen die Alarmglocken erst einmal, setzen sofort die alten Gefühle ein mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen und schon folgt man dem altbekannten Handlungsmuster. Nur bei weniger schwerwiegenden Alarmen kann es gelegentlich gelingen, sich selbst rechtzeitig „Stopp!“ Zu sagen.

Das hat mit dem Wesen des Alarms zu tun: Der Sinn eines jeden Alarms ist es, den Menschen zum schnellen und entschlossenen Handeln zu bewegen. Doch ein Alarm kostet eine Menge Energie und das menschliche Gehirn ist ziemlich perfekt darin, Energieverschwendung zu vermeiden. Deshalb gilt ein weiterer Satz: Ein Alarm, auf den keiner reagiert, ist sinnlos.

An diesem Punkt setzt Introvision-Coaching an: Mit dieser Methode wird der Alarm in der Amygdala gelöscht, sodass jene Reize, die ihn bislang triggerten, keine Reaktion mehr auslösen. Wenn ein Alarm dazu da ist, eine Handlung zu aktivieren, war die ursprüngliche Idee, diesen Alarm einfach leer laufen zu lassen, wie sie an der Uni Hamburg entwickelt wurde, schlichtweg genial. Zu untersuchen „Was geschieht eigentlich, wenn wir bei Menschen ihren Alarm auslösen, sie aber gleichzeitig veranlassen, ihn nur zu beobachten, nicht zu handeln, nicht einzugreifen“ war bahnbrechend. Denn wie sich gezeigt hat, wird durch genau diese Verfahrensweise der Alarm in der Amygdala wieder gelöscht. 

 

Haltung der Achtsamkeit oder weite Wahrnehmung

Das Aushalten des Alarms, während der Klient nicht in das Geschehen eingreift, ist einer der zentralen Punkte im Introvision-Coaching. Dazu muss der Alarm aber auch vorhanden sein und gespürt werden. Wenn es nicht gelingt, während der Coaching Sitzung den Alarm beim Klienten auszulösen, so passiert nichts: Wenn der Klient den Alarm nicht verspürt, kann er auch nicht gelöscht werden. 

Die Aufgabe des Coaches ist es daher als erstes, in der Problemanalyse dem Alarm auf die Spur zu kommen. Wenn man herausgefunden hat, was genau für den Alarm verantwortlich ist, ist das Ziel im Introvision-Coaching, den Alarm auszulösen, damit der Klient in einer Haltung der weiten Wahrnehmung damit sitzen und alle Reaktionen auf der körperlichen, emotionalen und mentalen Ebene erfahren kann, ohne in diese Vorgänge einzugreifen. 

Um den Alarm während der Coachingsitzung auslösen zu können, muss der Coach mit dem Klienten den genau dafür passenden Satz erarbeiten und ihn dann dem Klienten in der Möglichkeitsform präsentieren. Wenn der Alarm des Klienten anspringt, weil er zum Beispiel Angst davor hat, abgelehnt zu werden, so würde der Coach etwa vorgeben, dass der Klient den Satz „Es kann sein, dass ich abgelehnt werde“ in der Haltung der weiten Wahrnehmung auf sich wirken lässt. Manchmal kann es auch sein, dass der Coach den Satz verstärken muss, weil sich damit der Alarm dann auch erhöht, also zum Beispiel „Es kann sein, dass ich total abgelehnt werde“. Im Introvision-Coaching steht und fällt der Erfolg der Arbeit mit der Formulierung des richtigen Satzes, denn schon kleinste verbale Unterschiede können darüber entscheiden, ob der Alarm wirklich ausgelöst wird. 

Da der Impuls, auf den inneren Alarm zu reagieren, indem man entweder irgendwie eingreift, um ihn zu besänftigen, bzw. zum Verschwinden zu bringen, oder versucht, sich zu entziehen und davonzulaufen, für gewöhnlich ziemlich stark ist, ist es wichtig, dem Klienten Hilfsmittel zu geben, die es ihm möglich machen, den Alarm auszuhalten, ohne dem eigenen Impuls zu folgen. Dieses Hilfsmittel ist die Technik der Achtsamkeit und zwar in dem Sinne, wie sie in dem von Jon Kabat-Zinn entwickelten Mindfulness Based Stress Reduction Programm (MBSR) verwendet wird. 

Die „weite Wahrnehmung“, die dabei eingesetzt wird, muss zunächst mit den Klienten trainiert werden, denn es fällt den wenigsten Menschen auf Anhieb leicht, rein konstatierend zu beobachten, was mit ihnen geschieht, wenn sie sich einem Gedanken aussetzen, der sie vorher in höchste Alarmbereitschaft versetzt hat. Der Coach muss den Klienten während der Arbeit immer wieder unterstützen, in der Haltung der weiten Wahrnehmung zu bleiben, das heißt, ohne jegliche Wertung zu konstatieren, was sich bei ihm abspielt.

 

Bei welchen Schwierigkeiten lässt sich Introvision-Coaching gut einsetzen?

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass Klienten mit großer Stress-Belastung in hohem Maß von Introvision-Coaching profitieren. Äußerer Stress ist schädlich genug, doch wie man aus vielen Untersuchungen weiß, ist der innere Stress, den sich Menschen selbst machen, noch belastender. Dieser Stress wird häufig hervorgerufen durch das, was die Transaktionsanalyse „Antreiber“ nennt. Die Transaktionsanalyse hat fünf Antreiber definiert: „Sei perfekt“, „Mach’s anderen recht“, „Beeil dich“, „Streng dich an“ und „Sei stark“. Fast schon selbst wie Imperative formuliert, stehen diese Antreiber mit vielen Imperativen in engem Zusammenhang, etwa „Ich darf keine Fehler machen“, „Ich darf nicht abgelehnt werden“ oder „Ich darf auf gar keinen Fall scheitern“. In der Problemanalyse wird der Coach die genauen Imperative ermitteln – gerade bei hohem Stress sind es meist gleich mehrere – um, beginnend mit dem „leichtesten“, einen nach dem anderen aufzulösen.

Erfahrungsgemäß hat es sich unter anderem bei den nachfolgend aufgeführten Schwierigkeiten, die natürlich auch alle mit Stress verbunden sind, gut bewährt, mit Introvision-Coaching zu arbeiten. Bei all diesen Problemen kann ein tief verankertes Muster die Ursache dafür sein, dass sich mit herkömmlichen Methoden kein dauerhafter Erfolg einstellt:

  • Angst zu versagen
  • Mangelndes Durchsetzungsvermögen
  • Lampenfieber
  • Flugangst / Höhenangst und ähnliche
  • Die Unfähigkeit, sich gegen andere abzugrenzen
  • Sich viel zu schnell persönlich getroffen fühlen
  • Ausrasten

Sollte ein Klient bereits beruhigende Medikamente oder Psychopharmaka wie Anti-Depressiva einnehmen, um mit seinem Stress klar zu kommen, ist Arbeit mit Introvision-Coaching nicht möglich. Da die Wirksamkeit von Introvision-Coaching darauf beruht, sich seinen inneren Alarmen zu stellen und sie durch konstatierendes, wertfreies Beobachten leer laufen zu lassen, Psychopharmaka jedoch alle mentalen und körperlichen Unruhe-Empfindungen, unterdrücken, können die Alarme mit all ihren Reaktionen auf der emotionalen, mentalen und körperlichen Ebene weder ausgelöst noch wahrgenommen werden. Introvision-Coaching wird deshalb erst möglich, wenn die Psychopharmaka abgesetzt sind.